WIKI-RAINAIR – das Modellflug-Lexikon der MFG-Balsthal
Praxiswissen aus Werkstatt und Flugplatz: vom Einstellen im Keller über das Einfliegen bis zu EWD, Schwerpunkt, Harzen und Leimen. Alle Zahlen sind Richtwerte – die Angaben in der Bauanleitung bzw. vom Hersteller gehen immer vor. Ergänzungen und Korrekturen bitte an den Vorstand.
Inhalt: 1. Einstellen im Keller · 2. Einstellen im Flug · 3. EWD · 4. Schwerpunkt · 5. Harze & Leime · 6. Lexikon A–Z · 7. Links
1. Einstellen im Keller (Werkstatt-Check vor dem Erstflug)
- Verzug prüfen: Flügel und Leitwerk auf Verzug (Verwindung) kontrollieren. Beide Flügelhälften müssen gleich sein, das Höhenleitwerk muss parallel zum Flügel stehen (von vorne anvisieren).
- Schwerpunkt auswiegen – flugfertig mit Akku, Empfänger und allem Zubehör (siehe Kapitel 4). Lieber etwas kopflastig als schwanzlastig.
- EWD messen und mit dem Plan vergleichen (siehe Kapitel 3).
- Ruder-Neutralstellung: Alle Servos in Mitte (Trimmung auf 0), dann Ruder mechanisch über das Gestänge auf Null stellen – nicht mit der Sender-Trimmung korrigieren.
- Ruderrichtung: Knüppel ziehen → Höhenruder geht nach oben. Knüppel rechts → rechtes Querruder hoch, linkes runter. Seitenruder rechts → Ruder nach rechts.
- Ruderausschläge nach Anleitung einstellen und an der Hinterkante in mm messen. Für die ersten Flüge eher kleinere Ausschläge (Dual Rate) und 20–40 % Expo.
- Mechanik: Gestänge ohne Spiel, Ruderhörner und Gabelköpfe gesichert, Servos laufen nicht an den Anschlag (kein Brummen in den Endlagen).
- Failsafe programmieren: Bei Signalverlust Motor AUS, Ruder neutral bzw. leicht gezogen.
- Reichweitentest nach Herstellerangabe des Senders (Range-Check-Modus), wenn möglich mit laufendem Motor.
- Antrieb: Propeller richtig montiert und gewuchtet, Spinner fest, Motorsturz und Seitenzug nach Plan. Akku sicher befestigt (rutscht er, wandert der Schwerpunkt!).
- Zum Schluss: Alle Schrauben und Klebestellen kontrollieren, Modellspeicher am Sender richtig gewählt?
2. Einstellen im Flug (Einfliegen und Trimmen)
Erstflug nur bei ruhigem Wetter, mit genügend Höhe und wenn möglich mit einem erfahrenen Kollegen am Lehrer-Schüler-Kabel. Immer nur eine Änderung pro Flug.
- Grundtrimmung: Bei halbem Gas geradeaus fliegen und so trimmen, dass das Modell ohne Steuereingriff geradeaus und horizontal fliegt. Nach der Landung die Trimmung mechanisch ins Gestänge übernehmen und die Sender-Trimmung wieder auf 0 stellen.
- Sturzflug-Test (Schwerpunkt): In sicherer Höhe Gas weg, ca. 45° in den Sturzflug drücken, Knüppel loslassen.
- Modell fängt sich langsam und gleichmässig ab → Schwerpunkt in Ordnung.
- Modell zieht sofort stark hoch → zu kopflastig (Schwerpunkt nach hinten oder EWD verkleinern).
- Modell wird immer steiler oder fängt sich nicht → zu schwanzlastig. Sofort abfangen und Schwerpunkt nach vorne!
- Rückenflug-Test: Im Rückenflug braucht ein gut eingestelltes Kunstflugmodell nur wenig Tiefenruder. Braucht es viel Tiefe, ist das Modell eher kopflastig.
- Motorsturz prüfen: Mit Vollgas senkrecht steigen. Zieht das Modell auf den Rücken bzw. Bauch, Motorsturz anpassen. Zieht es seitlich weg, Seitenzug anpassen.
- Querruder-Differenzierung: Bei einer Rolle bzw. Kurve darf das Modell nicht gegen die Kurvenrichtung gieren (negatives Wendemoment). Sonst die Differenzierung erhöhen (Ruder nach oben mehr Ausschlag als nach unten).
- Langsamflug und Abriss: In Sicherheitshöhe langsam fliegen, bis die Strömung abreisst. So lernt man das Verhalten vor der ersten Landung kennen. Kippt das Modell hart über einen Flügel ab, den Schwerpunkt prüfen und etwas schneller landen.
- Segler: Wölbklappen- und Butterfly-Einstellung erst nach der Grundtrimmung einfliegen und eventuell eine Höhenruder-Zumischung einstellen.
3. EWD – Einstellwinkeldifferenz
Die EWD ist der Winkelunterschied zwischen dem Einstellwinkel des Flügels und dem des Höhenleitwerks (jeweils gemessen an der Profilsehne). Sie bestimmt zusammen mit dem Schwerpunkt, wie stabil das Modell um die Querachse fliegt.
- Typische Richtwerte: Trainer und Thermiksegler ca. 1–2°, Allround-/Hangsegler ca. 0,8–1,5°, Kunstflug ca. 0–0,5°. Massgebend ist der Wert aus dem Bauplan.
- Messen: Mit einer EWD-Waage (analog oder digital) zuerst am Höhenleitwerk auf 0 stellen, dann auf dem Flügel messen. Ohne Waage: Abstand von Nasen- und Endleiste zur Tischplatte messen und den Winkel berechnen. Das Modell darf zwischen den Messungen nicht bewegt werden.
- Bei V-Leitwerken ist die Messung anspruchsvoller – siehe den Link zum Artikel «V-Leitwerk und EWD» im Kapitel Links.
- Zusammenhang mit dem Schwerpunkt: Schwerpunkt weiter hinten → es braucht weniger EWD. Schwerpunkt weiter vorne → es braucht mehr EWD (Höhenruder muss mehr «ziehen»). Wer den Schwerpunkt verschiebt, muss also oft auch die Höhenrudertrimmung nachstellen.
- Nurflügel haben kein Höhenleitwerk; dort übernehmen Profil, Pfeilung und Schränkung diese Aufgabe.
4. Schwerpunkt
Der Schwerpunkt (SP) ist der Punkt, an dem das Modell im Gleichgewicht ist. Er muss vor dem Neutralpunkt des ganzen Flugzeugs liegen, sonst ist das Modell um die Querachse instabil. Der wichtigste Wert vor jedem Erstflug!
- Angabe: Meist in mm hinter der Nasenleiste an der Flügelwurzel oder in % der mittleren Flügeltiefe (MAC). Konventionelle Modelle liegen typischerweise bei etwa 25–35 % MAC. Nurflügel liegen deutlich weiter vorne.
- Auswiegen mit den Fingern bzw. mit einer Schwerpunktwaage: Modell flugfertig an den markierten Punkten unterstützen. Es sollte waagrecht oder leicht nasenlastig stehen.
- Grosse und schwere Modelle: Mit zwei Waagen unter Haupt- und Spornrad wiegen und den Schwerpunkt über das Momentgleichgewicht berechnen (Rechner siehe Links).
- Korrigieren: Zuerst den Akku verschieben, erst dann Blei. Blei möglichst weit vorne bzw. hinten anbringen, damit wenig Zusatzgewicht nötig ist – und sicher befestigen.
- Merksatz: «Kopflastig fliegt schlecht, schwanzlastig fliegt einmal.»
- Feineinstellung mit dem Sturzflug-Test im Flug (Kapitel 2).
5. Harze und Leime
| Kleber | Wofür | Hinweise |
|---|---|---|
| Weissleim (PVAc, z.B. Ponal, Titebond) | Holz auf Holz: Balsa, Sperrholz, Rippen, Beplankung | Leicht, schleifbar, bei Wärme etwas weich. Wasserfeste Variante für Aussenteile. Pressen bzw. fixieren bis trocken. |
| Sekundenkleber (Cyanacrylat, dünn/mittel/dick) | Schnelles Heften, Balsa, Scharniere, Reparaturen am Feld | Dünnflüssig kriecht in Fugen. Greift Styropor/Depron an – dafür «styrofreundlichen» CA verwenden. Aktivator beschleunigt. Dämpfe reizen Augen. |
| 5-Min-Epoxy | Schnelle, belastbare Verklebungen, Reparaturen | Wird etwas spröder als langsames Epoxy. Kleine Mengen anmischen. |
| 30-Min- bzw. «Endfest»-Epoxy (z.B. UHU plus endfest 300) | Hochbelastete Stellen: Motorspant, Fahrwerk, Flächenverbinder, Holmverklebungen | Höchste Festigkeit, lösemittelfrei (greift Schaum nicht an). Mischverhältnis genau einhalten. |
| Laminierharz (z.B. Epoxidharz L + Härter) | GFK/CFK-Laminate, Formenbau, Beschichten mit Glasgewebe | Dünnflüssig. Mischverhältnis nach Gewicht (Waage!). Verarbeitungszeit je nach Härter. Ab ca. 15–20 °C verarbeiten, Nachtempern verbessert die Festigkeit. |
| Eingedicktes Harz (Harz + Füllstoff) | Spachtel, Kehlnähte, Verkleben von Holmen und Einschlagmuttern | Füllstoffe: Microballons (leicht, schleifbar), Baumwollflocken (zäh, fest), Glasschnitzel, Thixotropiermittel (Aerosil). |
| Kontakt- und Schaumkleber (z.B. UHU por) | Depron, EPP, Styropor | Beide Seiten dünn auftragen, ablüften lassen, dann zusammenpressen. |
| Heisskleber | EPP-Schaummodelle, schnelle Fixierungen | Schwer – sparsam verwenden. Nicht auf Depron (schmilzt). |
| PU-Kleber (Polyurethan) | Holz, Schaum-Holz-Verbindungen | Schäumt beim Aushärten auf, braucht Feuchtigkeit. Teile gut fixieren. |
Sicherheit: Epoxidharze können Allergien auslösen (sensibilisierend). Darum immer Nitrilhandschuhe tragen, gut lüften, Hautkontakt vermeiden und das Sicherheitsdatenblatt beachten.
6. Lexikon A–Z
- Anstellwinkel: Winkel zwischen Profilsehne und Anströmung im Flug (ändert sich je nach Fluglage).
- Butterfly / Krähe: Querruder hoch, Wölbklappen runter – zum steilen, langsamen Landeanflug bei Seglern.
- C-Rate: Belastbarkeit eines LiPo-Akkus. Strom = C × Kapazität (z.B. 30C × 2,2 Ah = 66 A).
- Differenzierung: Querruder schlagen nach oben stärker aus als nach unten, damit das Modell nicht gegen die Kurve giert.
- Dual Rate: Umschaltbare Ruderausschläge (z.B. «klein» für normales Fliegen, «gross» für Kunstflug).
- Einstellwinkel: Fest eingebauter Winkel zwischen Profilsehne und Rumpflängsachse.
- EWD: Einstellwinkeldifferenz zwischen Flügel und Höhenleitwerk (siehe Kapitel 3).
- Expo: Exponentielle Steuerkurve – um die Knüppelmitte feinfühliger, am Ende voller Ausschlag.
- Failsafe: Position, die der Empfänger bei Signalverlust einnimmt (Motor aus!).
- Flächenbelastung: Fluggewicht pro Flügelfläche (g/dm²). Je höher, desto schneller muss das Modell fliegen.
- Flattern: Gefährliches Aufschwingen von Rudern oder Flächen bei hoher Geschwindigkeit. Abhilfe: spielfreie Anlenkung, steife Ruder, Massenausgleich.
- Kv-Wert: Drehzahl eines Elektromotors pro Volt ohne Last (U/min/V).
- MAC: Mittlere aerodynamische Flügeltiefe – Bezugsgrösse für die Schwerpunktangabe in %.
- Motorsturz / Seitenzug: Neigung der Motorachse nach unten bzw. zur Seite, um Trimmänderungen bei Gaswechsel auszugleichen.
- Neutralpunkt: Aerodynamischer Bezugspunkt des ganzen Flugzeugs. Der Schwerpunkt muss davor liegen.
- Profil / Profilsehne: Querschnitt des Flügels bzw. die gerade Linie von der Nasen- zur Endleiste.
- Reynoldszahl (Re): Kennzahl für die Strömung (Geschwindigkeit × Flügeltiefe). Kleine Modelle fliegen bei kleiner Re – darum funktionieren dort nicht alle Profile.
- Schränkung: Verdrehung des Flügels zur Spitze hin (aussen weniger Einstellwinkel) – verbessert das Abrissverhalten. Beim Nurflügel wichtig für die Stabilität.
- Streckung: Spannweite² / Flügelfläche. Hohe Streckung = schlanker Flügel = gute Gleitleistung.
- Strömungsabriss: Ab einem zu grossen Anstellwinkel löst sich die Strömung ab, der Auftrieb bricht zusammen.
- V-Form: Flügelhälften steigen nach aussen an – sorgt für Stabilität um die Längsachse.
- Wölbklappe: Klappe an der Hinterkante, verändert die Profilwölbung (Speed, Thermik, Landung).
7. Links
- eCalc – Schwerpunktrechner (cgCalc) – Schwerpunkt aus der Flügelgeometrie berechnen, auch für Nurflügel und V-Leitwerk.
- eCalc – Schwerpunkt durch Wägen – für grosse und schwere Modelle (Momentgleichgewicht).
- eCalc – Antriebsrechner – Motor, Propeller und Akku berechnen.
- Artikel «V-Leitwerk und EWD» (PDF) – EWD richtig messen bei V-Leitwerken.
- DMFV – Der Modellflug einfach erklärt (PDF) – Grundlagen zu Auftrieb, Schwerpunkt, Rudern und Landung.
- RC-Network – grösstes deutschsprachiges Modellflug-Forum mit Wiki und Bauberichten.
- R&G Wiki – Fachwissen zu Epoxidharzen, Laminieren, GFK/CFK und Formenbau.
- Schweizerischer Modellflugverband SMV – Reglemente, Versicherung, Code of Good Practice.
- BAZL-Karte Drohnen/Modellflug – wo Modellflug erlaubt oder eingeschränkt ist.
Stand: November 2026 · zusammengestellt für die MFG-Balsthal